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Einladung zur Pressekonferenz 

am 24. August 2018, 11:00 Uhr, MS Stubnitz 

Bundesweite Parade ‚UNITED AGAINST RACISM‘ 

29. September 2018 in Hamburg 

Hamburg, 17. August 2018

Sehr geehrte Damen und Herren, 

wir laden Sie herzlich ein zur Pressekonferenz unseres Netzwerks We’ll Come United.

Ein einzigartiger Zusammenschluss von über 300 Gruppen und Organisationen wird am 29. September unter dem Motto „United Against Racism“ eine bundesweite Parade für Bewegungsfreiheit und gleiche Rechte in Hamburg veranstalten. Seenotrettungsorganisationen, migrantische Gruppen und Vereine, selbstorganisierte Geflüchtete, Theater und Fußballclubs werden gemeinsam und lautstark auf über 20 Motivwägen die Vielfalt der „Großen Koalition des Antirassismus“ demonstrieren.

Vom Auftaktort am Rathausmarkt wird die Parade durch die Innenstadt bis zum Hafen ziehen. Dort wird sie mit einer internationalen Kundgebung und einem mehrstündigen Konzertprogramm enden.

Es sind derzeit über 30 Busse aus dem gesamten Bundesgebiet und Teilnehmer aus ganz Europa angekündigt. Der Schwerpunkt der Mobilisierung liegt in Geflüchteten-Unterkünften in ganz Deutschland.

Für eine politische Einordnung der Veranstaltung und einen ersten Ausblick auf das umfangreiche Programm laden wir Sie herzlich ein für

Freitag, den 24. August 2018, 11:00 Uhr 

auf die MS Stubnitz, Kirchenpauerkai 29, 20457 Hamburg,

Anfahrt: U-Bahn-Station HafenCity Universität (U4)

Es sprechen:

Ruben Neugebauer (Sea Watch)

Ali N. (Afghanischer Aufschrei Düsseldorf)

Massimo Perinelli (Tribunal „NSU Komplex auflösen“)

Karin Beier (Schauspielhaus Hamburg)

Ali Niger (Lampedusa in Hamburg)

N.N. Seebrücke Hamburg 

Isaiah Lopaz (Künstler und Schriftsteller Los Angeles/Berlin)

Jörn Menge (Laut gegen Nazis)

Newroz Duman (We’ll Come United)

Im Anschluss stehen wir Ihnen für Hintergrundgespräche und Interviews zur Verfügung. Bei Rückfragen kontaktieren sie uns gerne per E-Mail oder telefonisch.

Mit freundlichen Grüßen 

Siri Keil

Kontakt:

presse@welcome-united.org

Aufruf und Unterstützer:

facebook

https://www.facebook.com/welcomeunited/

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‚We‘ll Come United‘ ist ein bundesweites Netzwerk aus Gruppen und Personen, die sich sozial, antirassistisch, kulturell und politisch engagieren.

Mehr als 300 Organisationen, Initiativen, Vereine, Kulturinstitutionen, selbstorganisierte Migrant*innengruppen, Willkommensinitiativen, Künstler*innenkollektive, Cafés, Clubs und NGOs haben sich in diesem Jahr dem Aufruf des Netzwerks zur Parade „United Against Racism“ angeschlossen. Darunter die NGO medico international, die Seenotrettungsorganisationen Sea-Watch und Jugend Rettet, das Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland, das Tribunal „NSU-Komplex auflösen“, die Fußballclubs FC St. Pauli und SV Babelsberg, das Bündnis Hamburger Flüchtlingsinitiativen, das ClubKombinat Hamburg e.V. und das Theater Kampnagel – Zentrum für schönere Künste.

Im September 2017 fand in Berlin die erste We’ll Come United-Parade mit 10.000 Personen statt: Vielfältig, laut und bunt hat der antirassistische Zusammenschluss kurz vor der Bundestagswahl auf Berlins Straßen ein Zeichen gesetzt. Seitdem hat sich das Netzwerk um viele Gruppen und Menschen erweitert, um dieses Jahr in Hamburg als Demo, als Karneval, als Parade mit Musik und Performance gelebten Antirassismus und Solidarität sichtbar zu machen.

Was seid ihr bloß für Menschen, Alter!?

Von Leonhard F. Seidl

Foto: Schülerinnen/ und Schüler Blockade gegen die Abschiebung ihres Mitschülers am Mittwoch 31.05.2017 _Nürnberg

Ihr, die Jugend von heute werdet geprügelt. Weil es früher so etwas nicht gegeben hätte. Mal abgesehen davon, dass das Bullshit ist, weil es das früher glücklicherweise schon gab: Ich habe euch gesehen, am Morgen des 31. Mai. Eine Jugend, die Gerechtigkeit über das Gesetz gestellt hat. Ein Gesetz, das von der Regierung von Mittelfranken bewusst hintergangen wurde.

Das Handy piepste um 9:37 »An der Berufsschule in Schoppershof wird jemand abgeschoben. Es gibt Proteste! Fahrt alle hin und schickt das weiter.«

Ich sprang auf mein Fahrrad und bretterte los. Kurz darauf traf ich schwer atmend bei euch ein, am Berliner Platz und war erleichtert über die Ruhe, über das, was ich sah. Ihr hattet euch vor ein Polizeiauto, neben einer Kirche auf die Straße gesetzt. Andere standen um euch herum, rauchten, unterhielten sich aufgeregt, darunter auch wenige Erwachsene. Nach einer Weile schob ich mein Fahrrad zur Seite, setzte ich mich zu euch. Eine zierliche junge Frau mit Pferdeschwanz brüllte die Polizisten an: »Was seid ihr bloß für Menschen, Alter?!« Ich konnte sie verstehen, konnte euch verstehen, dass ihr nicht wolltet, dass euer Mitschüler in ein Land abgeschoben wird, in dem Krieg herrscht. Von einer Regierung, die Waffen in die ganze Welt verkauft, mit denen der Krieg geführt wird. Ich versuchte sie trotzdem zu beruhigen, weil von einer Sitzblockade keine Eskalation ausgehen soll und die Polizei nicht der Gegner ist. So, wie es Gandhi schon praktiziert hat. Darum sitzt man auch auf dem Boden, um zu zeigen, dass man friedlich ist.

 Foto: Demo gegen die Abschiebung

Das Handy piepste um 9:37 »An der Berufsschule in Schoppershof wird jemand abgeschoben. Es gibt Proteste! Fahrt alle hin und schickt das weiter.«

Ich sprang auf mein Fahrrad und bretterte los. Kurz darauf traf ich schwer atmend bei euch ein, am Berliner Platz und war erleichtert über die Ruhe, über das, was ich sah. Ihr hattet euch vor ein Polizeiauto, neben einer Kirche auf die Straße gesetzt. Andere standen um euch herum, rauchten, unterhielten sich aufgeregt, darunter auch wenige Erwachsene. Nach einer Weile schob ich mein Fahrrad zur Seite, setzte ich mich zu euch. Eine zierliche junge Frau mit Pferdeschwanz brüllte die Polizisten an: »Was seid ihr bloß für Menschen, Alter?!« Ich konnte sie verstehen, konnte euch verstehen, dass ihr nicht wolltet, dass euer Mitschüler in ein Land abgeschoben wird, in dem Krieg herrscht. Von einer Regierung, die Waffen in die ganze Welt verkauft, mit denen der Krieg geführt wird. Ich versuchte sie trotzdem zu beruhigen, weil von einer Sitzblockade keine Eskalation ausgehen soll und die Polizei nicht der Gegner ist. So, wie es Gandhi schon praktiziert hat. Darum sitzt man auch auf dem Boden, um zu zeigen, dass man friedlich ist.

Dann kamen die ersten vier schwarzuniformierten Polizisten auf euch zu, drückten den Zweien, die vorne untergehakt am Boden saßen, den Kopf nach hinten, zur Seite, drückten mit den Fingern in die Augen. Panik schlich sich in eure Gesichter, ihr habt euch noch fester bei euren Mitschüler*innen untergehakt. Und dann ging alles ganz schnell. Die Schwarzuniformierten griffen mit ihren Knüppeln in der Hand an, schlugen mit ihren Fäusten. Drückten, rempelten. Irgendwann zogen sie euren Mitschüler Asef an Handschellen, über den Boden, zu einem anderen Streifenwagen über die Wiese. Eine Mitschülerin wurde niedergeknüppelt, hielt sich die Hände schützend über den Kopf. Ihr wolltet ihr aufhelfen, aber ein Polizist jagte seinen Hund auf euch. Nur, weil ihr nicht locker gelassen habt, konntet ihr eurer verängstigten Mitschülerin irgendwann, viel zu spät, aufhelfen. Und dann prügelten sie dem Auto, in dem dein Mitschüler saß, den Weg frei. Über den Platz vor der Kirche. Mit dem Kreuz über dem Eingang. Mit Faustschlägen, Knüppelhieben, Schubsern. Immer wieder jagten sie den Hund auf euch. Bis euer Mitschüler weg war. Und die Tränen die Wut vertrieben. Ihr habt den Polizist*innen entgegengerufen: »Mörder! Mörder!« Und ich konnte euch verstehen. Ich glaube, es war gut für euch, dass ihr mit der Demo zum Ausländeramt gelaufen seid, und ihr Euren Zorn rausgeschrien habt: »Eins, zwei, drei, vier, alle Menschen blieben hier!«

 

Eure Wut war noch nicht verraucht, als die Polizei behauptete, es gäbe keine Verletzten Demonstrant*innen, obwohl ihr die blutenden, von Faustschlägen zusammengekrümmten Mitschüler*innen und Unterstützer*innen gesehen habt. Und als der bayerische Innenminister Herrmann ein paar Tage später behauptete »Linke Chaoten« wären für die Gewalt der Polizei verantwortlich, dröhnte euch der Kopf nicht nur von den Schlägen der Polizei. Vielleicht ist euch in diesem Moment klar geworden, wie einige Erwachsene, vor allem Politiker*innen im Wahlkampf hier ticken. Und wie sie zu ihren Stimmen kommen. Behaupten, sie wären Christen, labern vom Integrieren. Und kurz darauf holen sie euren Mitschüler, der sich integriert, aus dem Klassenzimmer, um ihn in ein Land abzuschieben, in dem täglich Bomben Menschen töten. Sie jagen euch an einer Kirche vorbei mit Hunden und Polizisten. Die selbst die Gelackmeierten sind, weil der Flug nicht geht, weil ein Anschlag die deutsche Botschaft in Kabul getroffen hat. Ihr seht auch die Bilder der Polizist*innen in der Zeitung an und denkt zurecht: »Ihr Opfer.«

Ihr wisst nicht, ob ihr euch ab sofort genauso anstrengen sollt, wie euer Mitschüler Asef, oder euch doch lieber gegen diese Ungerechtigkeit und die Lügen engagieren sollt. Asef, der beim Fliesenleger gearbeitet hat. Der rausgeflogen ist, weil er sich geweigert hat, unbezahlte Überstunden zu machen. Ihr hättet euch das vielleicht nicht getraut. Wie oft ist er nach München gefahren, wenn ihr gechillt habt, um bei der afghanischen Botschaft einen Pass abzuchecken, aber die haben ihn einfach wieder weggeschickt. Einen Antrag für gut integrierte Jugendliche hat er bei der Regierung gestellt, um hierbleiben zu dürfen. Aber die von der Regierung haben »Nein« gesagt, es aber ihm nicht gesagt, um ihn abzuschieben zu können. Und jetzt versuchen diese Lügner*innen ihn schlecht zu machen. Behaupten, er habe Anträge zerrissen. Sich nicht um einen Pass gekümmert.

 

Asef ist jetzt wieder bei euch. Weil ihr so mutig wart, euch für ihn einzusetzen. Weil die Regierung von Mittelfranken einen Fehler gemacht hat. Und, weil der Flieger nach Afghanistan nicht flog, weil eine Bombe nahe der deutschen Botschaft 90 Menschen getötet und etwa 460 Menschen verletzt hat. Und in so ein Land wollten Sie euren Mitschüler abschieben? Ihr habt absolut recht: »Was seid ihr bloß für Menschen, Alter?!«

 

 

  Gastautor für LGN: Leonhard F. Seidl