Listen (ein Nachruf zur Frankfurter Buchmesse)

Leonhard F. Seidl

Nazis liebten Listen, Neonazis lieben Listen und auch die »Neue Rechte« liebt Listen. Nein, dass soll jetzt keine »Nazikeule« gegen die armen, gescholtenen »Patrioten« der »Identitären« sein, von denen früher nicht wenige Neonazis waren. Und natürlich auch nicht gegen AfD-Politiker wie Höcke, die vom »1.000 jährigen Reich« faseln. Obwohl das schon einmal ein anderer vor ihm getan hat.

Es geht um eine Liste, die der extrem Rechte »Verlag Antaios« bei der Frankfurter Buchmesse herumgereicht hat. Ja, ich weiß, ich mache jetzt wieder Werbung für ihn, aber schweigen macht mitschuldig, um eine andere Wahrheit aufzugreifen. Die Liste um den Trachtenjanker Rechten-»Think thank« Schafzüchter Götz Kubitschek. »Ein Wegweiser durch unsere Szene« heißt es da. » … für das »andere Deutschland«, für das konservative, das rechtsintellektuelle, das AfD-Milieu, die kommende politische und gesellsachftliche Tendenz.« Darauf sind der algerische Schriftsteller und Islamkritiker Boualem Sansal zu finden; wen wundert‘s, sind die »Neuen Rechten« laut ihrer Aussage doch keine Rassisten aber gegen den Islam. Deutlicher wird die Gesinnung und damit die Wahl schon beim sozialdemokratischen-Salonrassisten Thilo Sarrazin. Zum Leidweisen »meines Verlags« ist darauf auch die Nautilus-Autorin Shumonha Sinha zu finden, weil sie ihrem Roman »Erschlagt die Armen« unter anderem kritisiert, wie sich die ansonsten, tendenziell patriarchal generierenden westbengalischen Männer aufgrund der Umstände erniedrigen, um einen Aufenthaltsstatus zu bekommen. Die herausgebenden Verlage tragen laut dem Flugblatt »auf beiden Schultern Wasser«, also rechtskonservativ auszulegende Literatur. Dies zeigt, wie weitschweifend die »Neue Rechte« ihre Gesinnung verortet sieht. Was der Nautilus-Verlag ein wenig anders sieht und der rechtspopulistischen Jungen Freiheit kein Interview mit ihrer Autorin zugesteht, obwohl die hetzerische Wochenzeitung das Buch in ihrem Shop oder müsste man sagen Internet-Laden, führt.

 

Die „Neue Rechte“ arbeitet zudem mit wohldurchdachten »Listen«, auch Tricks genannt. Weshalb der Umgang mit Ihnen und vor allem der Widerstand gegen sie ebenfalls durchdacht sein sollte. Sie betreiben semantische Verwirrspiele, deuten um, sprechen nicht von »Rasse«, sondern von »Identität«. Und nicht zuletzt versuchen sie salonfähig zu werden und extrem rechte Theorien hoffähig zu machen, was ihnen tragischerweise bereits gelungen ist. Wie die Wahlergebnisse und die im CSU-Programm zu findende Aussage »Der Islam gehört nicht zu Deutschland« bestätigen. Obwohl dies gegen das grundgesetzlich verbriefte Recht auf Religionsfreiheit verstößt

Die Schriftstellerin Zoe Beck ist Mitinitiatorin der »Verlage gegen Rechts«-Initiative. Auf der Messe sah sie einen Button am Revers eines Identitären. Worauf sie bei Facebook postete: »weniger freut mich, dass einer von der neuen rechten auch einen trug. aber das ist ein anderes thema.« Und eben das ist das große Thema. Die »Neue Rechte« betreibt ein Mimikry-Spiel. Sie verbergen ihre tatsächlichen Absichten, sprechen Konzepte bewusst selektiv an. Da muss dem Großkapital schon mal verboten werden, um des Profits willen ganze Völkerscharen in Europa zu verschieben. Und natürlich sind sie angeblich gegen jeden Extremismus. Genau wie die AfD.

Diese Maske gilt es argumentativ herunterzureißen. Einerseits. Andererseits sollte man gegen sie aktiven Widerstand leisten. Jedes Hamburger Gitter um eine AfD-Kundgebung schreckt Zuhörer*innen ab und symbolisiert, um wen es sich hinter den Gittern handelt. Veranstaltungsorte zu blockieren ebenso. Nicht zuletzt wird »Ziviler  Ungehorsam« aufgrund der Erfahrungen der Shoa als Teil einer demokratischen Kultur begriffen. Oder sollte es zumindest. Und zwar nicht nur von den »bösen Linken«, die mal wieder die Buhmänner der konservativen Kartoffelnation sind, weil sie lautstark gegen den Auftritt des völkischen Nationalisten Höcke demonstriert und ihm dadurch angeblich mehr Aufmerksamkeit geschenkt haben. Das tun schon Teile der Medien, wenn sie seine Parteikolleg*innen durch die Talk-Shows reichen und »Flüchtlinge« zum Verkaufsschlager designen.

 

Das Problem sind keineswegs engagierte Linke, die zivilen Ungehorsam leisten und Identitären, der AfD und Neonazis ihre Auftritte bei der Buchmesse oder andernorts versauen. Das Problem sind Konsumdemokrat*innen, die lediglich alle vier oder zwei Jahre wählen gehen und dann auf Facebook dazu auffordern es ihnen gleichzutun, weil man sonst »Die Rechten« wählen würde. Die auf der anderen Seite aber jeden lautstarken Protest als undemokratisch kritisieren. Tatsächlich gibt es »kein Recht auf Nazipropaganda« und genauso wenig gibt es »kein Recht auf weichgespülte völkisch nationalistische Propanda«. Um aufzuzeigen, warum dem so ist, sollte man eine Liste mit Orten anlegen, an denen die »Neue Rechte« UND die »Alte Rechte« vulgo Neonazis, Gewalt und Angst verbreiten. Zu diesen Orten zählt seit diesem Jahr leider auch die Frankfurter Buchmesse.