Werbeplakat am KDF-Seebad Rügen
Der Umgang mit Nazihinterlassenschaften hat in Deutschland bekanntlich verschiedene Formen. Da werden Schulen und Kasernen nach Altnazis benannt und viele liebgewonnene Traditionen der Nazis weitergeführt. Auf Rügen ist die Situation nicht anders, wenn es um Geschichtsaufarbeitung geht. 1936 feierten die Nazis unter dem Leiter der “Deutschen Arbeitsfront” Robert Ley ein auf der Insel geplantes “KDF-Seebad in Prora” als soziale Errungenschaft. “KDF”, die Organisation “Kraft durch Freude”, sollte die Gewerkschaften als Naziorganisation für die Arbeiterschaft ersetzen. Nachdem bereits am 02. Mai 1933 die Gewerkschaften abgeschafft und deren Funktionäre zum Teil verhaftet und ermordet wurden. Unter dem Namen dieser Nazi-Organisation wurden auch zwei Passagierschiffe gebaut (z. B. KDF-Dampfer “Wilhelm Gustloff”) und Billigreisen in dafür vorgesehenen Reisebüros angeboten. Angeblich soll es der Wunsch von Hitler gewesen sein, große Ferienzentren an der See zu bauen. Das “KDF-Seebad Rügen” in Prora ist das Einzige der drei geplanten KDF Seebäder, für das der Grundstein am 02. Mai 1936 gelegt wurde. Ab 1939 wurden hier auch meist polnische Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen zu Instandsetzungsarbeiten eingesetzt und weibliche Zwangsarbeiterinnen zur Prostitution gezwungen. Deutsche Arbeiter, wie von Hitler gewünscht, machten dort aufgrund des Ausbruchs des 2. Weltkrieges (Hitlers Angriff auf Polen) nie Urlaub. Deutsche Unternehmen wie “Hoch Tief” oder “Siemens” konnten beim Bau des Urlaub-Monstrums bis 1939 richtig gut Kohle verdienen.
Ein Kleinod, das Dokumentationszentrum “MACHT Urlaub”, welches von der “Europäischen Gemeinschaft” gefördert wurde und erst seit dem Jahre 2000 über die Geschichte aufklärt, muss nach der Veräußerung des Objektes durch den Bund um seine Existenz fürchten. Der Bund hat bis auf einen Block des 4,5 km langen Gebäudetraktes des ehemaligen KDF-Parks, welcher 20.000 Gäste in Anspruch nehmen sollte, alles was geht bereits an Privatinvestoren verkauft. Der Bundestag stimmte dem Verkauf des denkmalgeschützten Nazi-Ferienparadieses zu. Dabei wurden sogar in Trümmer liegende Gebäudeteile für 625.000,– € an einen meistbietenden Investor vergeben.
Zappeln im KDF-Bad
Diskotheken und Spaßmuseen hielten neben dem Dokumentationszentrum Einzug in die Nazibauten
Als ich vor einer Woche den von den Nazis geplanten Größenwahn besuchte, staunte ich nicht schlecht. In dem ehemaligen Bad des KDF-Ferienlagers befindet sich jetzt direkt neben dem sehr gut aufgearbeiteten Dokumentationszentrum “MACHT Urlaub” eine Diskothek namens Miami (s. Foto). Hier hat ein Privatinvestor dann schon einmal seinen Traum umgesetzt.
Auf einem Plakat fand ich noch den Hinweis auf ein “superlatives” privat betriebenes NVA Museum mit einem 18 m langen Modell der Nazi-Prachtferien-Ghettohäuser. Ein Museum, betrieben aus privater Hand (s. Foto oben), welches keine Wünsche offen lässt. Gar eine ganze Reihe an Motorrädern, Uniformen der NVA, Arbeitsweise der NVA bla bla… ist dort für den Interessierten zu ersehen. Wahrscheinlich eine wirklich tiefgründige Aufarbeitung der Geschichte.
KDF-Seebad Prora (4,5 km lang)
Investorengruppe und Haushaltsausschuss des Bundestages kalkulierten 40 Mio. Euro für den Gesamtumbau des Objektes
Bis zur Veräußerung durch den Bund an Privatinvestoren, zahlte die Stiftung NEUE KULTUR als Betreiber des sehr aufschlussreichen Dokumentationszentrums “MACHT Urlaub” eine geringe, fast symbolische Miete. Das ist auch richtig so, da diese kleine Institution mit hervorragend recherchierten Ausstellungen zur Zwangsarbeit im Dritten Reich und zur größenwahnsinnigen Planung des “KDF-Seebades Prora” durch die Nazis, eine hervorragende Aufklärungsarbeit leistet. Der Block, in dem sich das Dokumentationszentrum befindet, wurde an die Investorengruppe “Jugend & Sport Park GmbH & Co. KG” verkauft. Wir sprachen telefonisch mit dem Geschäftsführer Herr Dr. Lahne, der uns mitteilte, man hätte seitens der Investoren Angebote für eine Zusammenarbeit an die Betreiber des Doku-Zentrums offeriert. “…es könne nicht sein, dass die Betreiber so geringe Mieten für so viel Fläche (Ausstellungsräume) zahlen, denn die Investoren kalkulieren ja mit 40 Mio. € und müssten sehr viel Geld investieren, um die Gebäude zu sanieren…”. Aus diesem Grunde hätte man der Stiftung in 2008 eine Kündigung ausgesprochen. Man habe sich unter Einbeziehung des Haushaltsausschusses des Bundestages dann doch noch einmal darauf geeinigt, dass die Frist bis zum Oktober 2010 verlängert wurde und man habe der Stiftung angeboten, gemeinsam ein Dokumentationszentrum für den neuen Sportpark zu planen. Dies würde aber bedeuten, dass die Stiftung dann ebenfalls investieren müsse und zu hohen Mietzahlungen gezwungen würde. Die Stiftung fordert nunmehr vom Land Mecklenburg -Vorpommern, die Aufklärungsarbeit zu unterstützen (siehe Stellungnahme/unten).
Sollten sich die Investorengruppe und die Betreiber des Dokumentationszentrums nicht einigen und die Stiftung dazu gezwungen werden, hohe Mieten zu zahlen, so bedeutet dies das Ende einer intensiven Aufklärungsarbeit über den Wahn der Nazis und dem Einsatz von Zwangsarbeitern vor Ort.
Sollte der Fall eintreten, dass das Dokumentationszentrum geschlossen werden muss, da Geld bekanntlich eine große Rolle spielt, wie soll es auch anders sein, dann wird die Geschichte des “Seebades Prora” nebst der Geschichte vom unmenschlichen Einsatz von Zwangsarbeitern über kurz oder lang, in Vergessenheit geraten. Nach Angaben mehrerer interviewter Personen, u. a . Herr Dr. Lahne, soll rund um die KDF Feriensiedlung nunmehr ein Jugend & Sportpark entstehen. Schick soll es werden, mit vielen Freizeitangeboten, Hostels, Hotels und allem was Spaß macht. Drum herum soll ein Naturschutzgebiet entstehen, Schwimmbäder, Vergnügungsmeilen etc. Quasi ein modernes “KDF Zentrum”, oder wie haben wir uns das vorzustellen?
Resumee:
Ein Hinweis für die Zukunft
Da haben wir es mal wieder. Die Aufarbeitung von Geschichte wird zweitrangig, wenn Kapital in die Hand genommen wird. In diesem Falle immerhin 40 Mio. Euro. Wobei der Investor uns mitteilte, dass man nun festgestellt habe, dass sich die Kosten wohl verdoppeln könnten, um das angestrebte Projekt eines Freizeit & Sportparks an historischer Stelle zu bauen. Moral? Mit der Moral haben die Deutschen es dann wohl doch nicht so. Zwangsarbeitereinsatz? Egal? Nein, man versucht uns weiß zu machen, dass man auf jeden Fall das Gedenken an Opfer der Nazis aufrecht erhalten wolle und schießt gleichzeitig diejenigen ab, die sich darum bemühen aufzuklären, da diese ihre Mieten voraussichtlich nicht zahlen können. Erstaunlich, aber normal ist ja schon die Tatsache, dass das Doku-Zentrum erst im Jahre 2000 in die Gebäude einziehen konnte. Da war Hitlers Regime bereits 55 Jahre entfernt. Das kennen wir ja schon von der Aufarbeitung von KZ-Gedenkstätten. Besser spät als nie!
Sollte sich der Traum der Investorengruppe verwirklichen und in Prora entsteht tatsächlich mit den alten Nazi-Ferienbunkern ein neues Freizeitparadies, so hat Hitler seinen Traum erfüllt bekommen. Wir sagen: 4 km abreißen und in einem letzten Stück dieser unsagbar hässlichen Gebäudereihe ein Doku-Zentrum einrichten. Das wäre moralisch vertretbar. Insofern wäre uns der Denkmalschutz eventuell sogar egal. Dann lieber ein großflächiges Naturschutzgebiet! Zudem sind diese Gebäude dann auch kein Wallfahrtsort für Nazis mehr.
Der Traum vom gleichgeschalteten Urlaub – auch als Kriegsvorbereitung:
“Ich will, dass dem Arbeiter ein ausreichender Urlaub gewährt wird und dass alles geschieht, um ihm diesen Urlaub sowie seine übrige Freizeit zu einer wahren Erholung werden zu lassen. Ich wünsche das, denn nur mit einem Volk, das seine Nerven behält, kann man wahrhaft große Politik machen.” – Zitat: Adolf Hitler zu den KDF-Planungen
Hitler bereitete sehr schnell nach 1933 seine Angriffskriege vor und brauchte zu diesem Zwecke offensichtlich zufriedene Deutsche, die erholt und ohne Zweifel für ihn in den Krieg zogen. KDF war ein solches Erziehungsinstrument mit dem die Gleichschaltung attraktiver wurde. Zudem plante Hitler das “KDF-Bad Rügen” schon einmal als Lazarett in Kriegszeiten. Wohlwissend, dass für die Deutschen keine Zeit zum “Urlauben” verbleibt. Die Gebäude von “Prora” wurden neben einer militärischen Nutzung auch für am Ende des Krieges ausgebombte Hamburger gebraucht. Bis zur Wende zog die NVA der DDR mit 15.000 Soldaten in die Gebäude ein (auch ein Beispiel für Geschichtsaufarbeitung). Teile wurden auch kommerziell vermietet. Beispielsweise befanden sich eine Jugendherberge, Kunstgalerien und kleine Läden in den Überbleibseln der Häuserreihen. Mehr zur Geschichte der Gebäude erfahren Sie unter: http://www.dokumentationszentrum-prora.de/
Stellungnahme des Dokumentationszentrums Prora zur aktuellen Lage des Dokumentationszentrums in der Anlage des ehemaligen „KdF-Seebades“ Prora
Das Dokumentationszentrum Prora befindet sich in Räumen im Querflügel des ehemaligen
„KdF-Seebades Rügen“, die 2004 durch den Bund an private Investoren verkauft wurden. Der neue Eigentümer, die Inselbogen Jugend & Sport Park GmbH & Co. KG, kündigte der Stiftung NEUE KULTUR, dem Träger des Dokumentationszentrums Prora, die Räume zum 31.12.2008. Durch Vermittlung des Bundesstaatsministers für Kultur und Medien, Bernd Neumann, konnte eine Duldungsvereinbarung getroffen werden, die den Verbleib des Dokumentationszentrums in den bisherigen Räumen bis zum 31.12. 2009 sicherte. Ende 2009 wurde diese Vereinbarung um ein Jahr, also bis Ende 2010, verlängert.
Die Stiftung NEUE KULTUR und das Dokumentationszentrum Prora haben von Anfang an für ein Gesamtkonzept zur Nutzung der Anlage plädiert. Leider wurde der überwiegende Teil ohne eine vorhergehende Planung veräußert. Die neuen Eigentümer wollen dort ein „Sporthostel“ für Jugendliche und Familien mit bis zu 1800 Betten bauen. Mit Schwimmbad und Turnhallen, Ballspielplätzen und Anlegern für Wassersportarten. Die fachkundige Öffentlichkeit und Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen befürchten eine Trivialisierung des geschichtsträchtigen Bauwerkes.
Es gibt zwar Raumangebote an die Stiftung NEUE KULTUR in anderen Teilen der Anlage, nach den geplanten Umbauten wird die Miete aber voraussichtlich so teuer sein, dass sie nicht mehr getragen werden kann. Jedenfalls dann, wenn sich die bisherige Förderpraxis des Landes Mecklenburg-Vorpommern nicht ändert. Deshalb fordern wir, dass auch in Zukunft bezahlbare Räume für das Dokumentationszentrum in Prora zur Verfügung stehen müssen. Die Landeszentrale für politische Bildung in Schwerin förderte bisher einzelne Veranstaltungen und Ausstellungsprojekte des Dokumentationszentrums, eine finanzielle Beteiligung an den übrigen Kosten der Institution lehnt das Land ab. Der Bund, der nach Aussage von Kulturstaatsminister Bernd Neumann durchaus zu Förderungen des Dokumentationszentrums bereit wäre, kann dies nach dem Bundesgedenkstättenkonzept so lange nicht tun, wie das Land seine Förderpraxis nicht ändert. Ein Teufelskreis, der das Dokumentationszentrum Prora eventuell die Existenz kosten kann.
Wir fordern deshalb eine finanzielle Beteiligung des Landes Mecklenburg-Vorpommern an den Kosten des Dokumentationszentrums Prora über die bisherige Förderpraxis hinaus. Das inzwischen 16 Jahre alte Engagement der Stiftung NEUE KULTUR in Prora und die Einrichtung des Dokumentationszentrums Prora mit seiner Dauerausstellung MACHTUrlaub über das ehemalige „KdF-Seebad“ Rügen und die Arbeits- und Sozialgeschichte des „Dritten Reiches“ stellt einen Wert dar, über den das Land Mecklenburg-Vorpommern nicht hinweg sehen sollte. Unserer Meinung nach steht das Land in der Verantwortung, die Fortführung des Dokumentationszentrums Prora auch in neuen, teureren Räumen zu gewährleisten. Wir werden dabei von zahlreichen Fachwissenschaftlern und z. B. von der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg unterstützt.
Perke Kühnel
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Dokumentationszentrum Prora
J. M. für LGN