Mit Respekt, Liebe und gemeinsamer Trauer begegnet Norwegen der unfassbaren Tat von Andreas Breivik. Mehr als 200.000 Menschen haben am Dienstag mit einem Trauermarsch in Oslo der Opfer gedacht und spenden den Angehörigen Trost. Gedenken und Zusammenhalt stehen in diesen Tagen im Vordergrund, nicht Schuldzuweisungen und Verdächtigungen. Ein Land löst seinen größten Schockzustand in diesem Jahrtausend Hand in Hand und gemeinsam, ohne auf Herkunft, Religion oder Weltanschauung zu schauen – dieser Anblick spendet auch den Zuschauern aus anderen Ländern Trost.
Breiviks Hassschrift “2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung” ging nur eine Stunde vor dem Attentat per Email an eine lange Liste ausgewählter Empfänger. Darunter eine ganze Reihe an bekannten Vereinigungen und Parteien des rechten Lagers in Deutschland. Gut, dass das Gericht ihm untersagt hat, eine öffentliche Erklärung abzugeben – so nimmt man ihm die letzte Bühne für seine ideologisch verdrehte, menschenverachtende Hetze. Aber woher hatte der Attentäter diese Liste? Das Bundesinnenministerium sucht nach Anzeichen dafür, dass Breivik der deutschen Neonazi-Szene nicht nur ideologisch nahestand, sondern auch Kontakte zu ihnen pflegte. Bislang gibt es darauf keine weiteren Hinweise. Andreas Breivik ist kein Nazi, sondern ein unerbittlicher, menschenverachtender Nationalist. Sein 1.500 Seiten starkes rassistisches Pamphlet (Spiegel online nennt es treffend „Manifest des Massenmörders“) schöpft aus einer großen Zahl von rechtspopulistischen, nationalistischen Blogs, Foren und Veröffentlichungen. Rassenvermischung – nein danke. Islam? Muss bekämpft werden. Liberalismus? Der Tod der westlichen Zivilisation. Was er getan hat, hat er von langer Hand geplant – und jeden Schritt will er ideologisch begründen. Breivik teilt die Welt säuberlich auf, nach Rasse, Religion, Gut und Böse. Auch selbst verbreitete er seine Gedanken in rechten Blogs, er war Mitglied bei den Rechtspopulisten. Er kam nicht aus dem “Nichts“, sondern aus einer breiten Szene von Islamfeinden und Nationalisten. Die beeilen sich nun, sich von Breivik so schnell als möglich zu distanzieren. Fakt aber ist, dass sie und ihre Foren ihm über Jahre als Plattform gedient und sicherlich selbst zur Festigung seines verdrehten Weltbilds beigetragen haben. Anerkannte Foren, wohlgemerkt, keineswegs illegal oder unter besonderer Beobachtung des norwegischen Staates. Rechter Mainstream, könnte man sagen – und Breivik ist die Quittung! Norwegens Stärke erweist sich hier als Schwäche – Liberalität und Toleranz müssen eben da ihre Grenze haben, wo sie diese wunderbaren Eigenschaften eines Landes gefährden. Früher hinschauen, eher reagieren, den Rassisten und Nationalisten Einhalt gebieten, Signale setzen – hier muss Norwegen noch an Größe gewinnen.
