Am kommenden Samstag, den 11. September 2010 sollte in Pößneck das in der europäischen Naziszene größte “Fest der Völker” stattfinden. Letztes Jahr hatten die Rechtsextremen bereits mit wesentlich mehr Teilnehmern gerechnet und wurden bitter enttäuscht. In diesem Jahr scheint die Szene keine Mobilisierung hinzubekommen. Für die Demokraten und Initiativen in der Kleinstadt eine großartige Nachricht. Seit dem Tode des Nazianwalts Jürgen Rieger wird deutlich, dass die Naziszene offensichtlich nicht mehr in der Lage dazu ist innerhalb der Menschenverachterszene eine Einheit zu schaffen. Rieger hatte bei jeder Großkundgebung im Hintergrund die Fäden gezogen und Strukturen entwickelt, die rechtsextreme Szene zusammen zu schweißen und für Naziaufmärsche in Dresden, Wunsiedel und sonst wo in Deutschland zu mobilisieren. In diesem Jahr mussten die Rechtsextremen bei ihren Veranstaltungen zu denen sie bundesweit aufgerufen hatten, permanent eine Schlappe einstecken. Weniger Teilnehmer als zu Riegers Zeiten und wesentlich größere Gegenpole jeweils vor Ort. Das Bindeglied zwischen Kameradschaften und NPD Anhängern, Rieger, fehlt der Szene wohl deutlich. Trotzdem, Entwarnung können wir nicht geben. Die rechtsextreme Szene lebt, zwar im Moment scheinbar unorganisiert, aber gefährlich bleiben sie allemal. Das zeigen auch die steigenden Zahlen “Opfer rechter Gewalt” im ersten Halbjahr 2010. In Pößneck will man trotz der Absage ein demokratisches Zeichen setzen. Jürgen Rieger hatte vor etwa sechs Jahren ein Schützenhaus für 360.000,– € zu Schulungszwecken der rechtsextremen Szene in Pößneck gekauft. In diesem Haus tummeln sich immer noch gewaltbereite Rechtsextreme, die für den 11.09.2010 offensichtlich ihre Anwesenheit angekündigt haben.Lesen Sie selbst:
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Unterstützer und Aktive,
wir freuen uns, dass die Neonazis in diesem Jahr kein “Fest der Völker” feiern können. Offensichtlich ist es den Veranstaltern des europaweiten Nazitreffens nicht gelungen, wie angekündigt, eine lukrative Mobilisierung ihrer Anhänger zu vollziehen.
Damit eröffnet sich für uns die Möglichkeit am Samstag, den 11. September 2010, ein deutliches Zeichen in die Stadt hinein und aus der Stadt heraus zu setzen. Gemeinsam mit Menschen aus Thüringen und anderen Bundesländern werden wir friedlich gegen die Machenschaften im Schützenhaus protestieren, aber auch zusammen kommen, um uns auszutauschen, kennenzulernen und auch, um ein bisschen zu feiern.
Folgende Veranstaltungen/Aktionen werden stattfinden:
Freitag, 10. September:
17-18 Uhr “Kreis der Harmonie” der Kampagne “Heidentum ist kein
Faschismus”
ab 18 Uhr Good Vibes Festival im Lutschgenpark
Samstag, 11. September:
9:45 Uhr Entzündung des ganztägigen Friedenslichts auf dem Markt
10 Uhr Politischer Lesegarten (Platz des Buches)
10-11:30 Uhr Mahngang für die Opfer des Antisemitismus (ab Markt)
bis 11:30 Uhr Infopunkt auf dem Markt
11:30 Uhr Demo “Das ist unsere Toleranzgrenze!”
11:55-12:15 Uhr Menschen- und Bannerkette am Schützenhaus
12:30 Uhr Demo “Diese Stadt hat Nazis satt” zum Lutschgenpark
13 Uhr Polit Talk zum Landesprogramm gegen Rechtsextremismus
mit Vertretern aus Politik und Zivilgesellschaft
(Lutschgenpark), etc.
14-22 Uhr Good Vibes Festival im Lutschgenpark (Reggea, SKA,…)
Viele haben uns bei den Vorbereitungen unterstützt, von vielen sind wir aber auch enttäuscht worden. Für ein Blockadebündnis, nach dem Vorbild von Dresden, in der Provinz zu mobiliseren, stellte sich als Herausforderung heraus, die nicht von wenigen Einzelnen getragen werden kann. Das Unverständnis und das Schweigen, von politischen Vertretern sowie die “klischeehaften” Reaktionen der Mitbürger sind beunruhigend.
Aber auch über den Vorwurf mit unserem Ansatz zu einer Art “Volksfest” zu mobiliseren, wie es Antifagruppen aus Thüringen ausdrückten, ist für die Aktiven bedrückend. Auch wenn Teile der scharfen Kritik Berechtigung haben, ist Pragmatismus eine notwendiges Stilmittel für Antifaschist_innen in Pößneck geworden.
Erfreut hat uns hingegen, dass auch völlig “unorganisierte” Menschen am Bündnis teilgenommen haben.
Unser zentrales Anliegen ist es nun, den Neonazis am Samstag zu zeigen, wo ihr Einflussbereich in Pößneck endet – an der Grundstücksgrenze des Schützenhauses!
Die Polizei hat angekündigt, dass sich ca. 30 gewaltbereite Neonazis im Schützenhaus aufhalten werden. Deshalb wurde der Anmelderin der Menschenkette zunächst diese Aktionsform verweigert und das Umfeld zur “neutralen Zone” erklärt. Durch politischen Druck konnten wir diese Gelgenheit zur lebendigen Toleranzgrenze nun aber durchsetzen.
Wir lassen uns keine Angst einjagen!
Wir rufen deshalb auf, kommt zahlreich nach Pößneck, auch wenn die “Pest der Völker” ausfällt! Gerade jetzt können wir ein aktives Signal senden.
Seit spätestens ab 11 Uhr auf dem Markplatz dabei und genießt mit uns ab 14 Uhr den Sound zum Protest im Lutschgenpark (Good Vibes Festival).
Mit solidarischen Grüßen
Aktionsbündnis “Pößneck nazifrei”
www.poessneck-nazifrei.de