Sie machen vor Privatwohnungen keinen Halt
Der Skandal um die Erlebnisse von Tibor Sturm , der von sechs Nazis auf offener Straße in Nürnberg überfallen und anschließend zu einer siebenmonatigen Haftstrafe verurteilt wurde, beschäftigt uns aktuell immernoch. Schockiert haben wir zur Kenntnis genommen, dass sich gegen Angriffe zu wehren, für die eigene Existenz gefährlich auswirken kann, wenn der falsche Richter Urteile vergibt.
Der Verein Opferperspektive e. V. bittet nunmehr um Hilfe zu einem Justizfall, der ebenso brisant ist. Hier der Hilferuf:
Liebe Freundinnen & Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,
heute schreibe ich euch und Ihnen mit einer Bitte: Wir starten eine Kampagne, bei der wir Ihre und Eure Unterstützung brauchen. Es geht um folgende Frage:
Was würden Sie tun, wenn junge Männer gegen Ihre Wohnungstür schlagen und Ihre Familie bedrohen? Sie würden 110 wählen?
Frau E. rief die Polizei, zwei Mal. Rechte Jugendliche waren in das Haus eingedrungen, in dem die kurdische Familie wohnt, hämmerten an die Tür, brüllten »Scheiß-Ausländer« und »Wir ficken Dich«. Die Polizei war nicht da. Die Kinder hatten Angst. Da nahm ihr Ehemann Musa E. ein Tischbein und jagte die jungen Rechten die Treppe hinunter. Ein Angreifer soll dabei leichte Verletzungen an Schulter und Unterarm erlitten haben.
Dafür wurde der Familienvater wegen gefährlicher Körperverletzung zu fünf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Notwehr konnte das Amtsgericht Potsdam nicht erkennen, und von einem rassistischen Angriff könne keine Rede sein. Die Jugendlichen hätten lediglich »eine Sache klären« wollen. Das Verfahren gegen die Angreifer wurde eingestellt.
Wir haben den Prozess von Anfang bis Ende, sieben Tage lang, beobachtet.
Das Urteil ist nicht haltbar. Wir wollen Musa E. helfen, in Berufung zu gehen, und dazu brauchen wir Hilfe. Denn die Beiordnung eines Pflichtverteidigers wurde abgelehnt, obwohl dem Hartz IV-Empfänger eine erhebliche Strafe droht. Auch eine Beschwerde wurde verworfen.
Um etwa 5.000 Euro Anwalts- und Gerichtskosten für die Berufung zu finanzieren, bitten wir um Spenden und um Mithilfe, die Kampagne bekannt zu machen. Die ersten Spenderinnen und Spender schreiben auf www.notwehrfonds.de über ihr Engagement:
Heilgard Asmus, Vorsitzende des Aktionsbündnisses gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit findet es »besorgniserregend, dass ausländische Mitbürger auch in ihrem Zuhause nicht vor Rassismus sicher sein können.« Die Generalsuperintendentin der Evangelischen Kirche bittet »alle Bürgerinnen und Bürger, die Spendenkampagne zu unterstützen.«
Der Potsdamer Diakonie-Geschäftsführer Marcel Kankarowitsch sieht in dem Urteil gegen Musa E. ein »fatales Signal«, weil es so wirke, »als ob es kein Unrecht sei, Migranten zu bedrohen.« Andrea Würdinger, die Vorsitzende des Republikanischen Anwaltsvereins, will spenden, weil eine Korrektur des Urteils gegen Musa E. nicht daran scheitern dürfe, »dass er als Hartz IV-Empfänger keinen Anwalt bezahlen kann.«
Was sagt ihr, was sagen Sie?
Herzliche Grüße
Jonas Frykman
P.S. Alle Informationen: www.notwehrfonds.de
Foto zu diesem Artikel: Naziaufmarsch in Dresden am 14.02.2009